Sollen wir Ihr Projekt porträtieren?

Haben Sie eine Frage, der wir in einem Blogbeitrag nachgehen können? Senden Sie uns Ihre Hinweise und Ideen, und wir werden tätig. Dann lesen Sie hier bald schon einen Artikel - initiiert durch Ihren Impuls. Wir freuen uns über Ihre Zusendungen und Ihr Feedback!

Der größte Erfolgshebel ist die Einstellung der Menschen

Thomas Heer ist seit dem 15. August 2018 Klimaschutzmanager der Gemeinde Schermbeck.
Der 28-Jährige stammt ursprünglich aus Detmold und lebt zurzeit in Dortmund. Das Studium der Geographie mit Schwerpunkt Energiewende und Umweltmanagement schloss er in Marburg ab. Sie erreichen ihn in der Gemeindeverwaltung unter (0 28 53) 91 03 40 oder per E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Das komplette Interview bieten wir Ihnen hier zusätzlich zum Download im PDF-Format an.

 

 

 

 

 

Fragen zum Klimaschutz an Klimaschutzmanager Thomas Heer

Worin sehen Sie für Schermbeck die Projekte mit dem größten Erfolgshebel für die CO2-Reduzierung?

Der wohl größte Erfolgshebel im Bereich der CO2-Einsparung bildet meiner Meinung nach das Konsumverhalten bzw. die Einstellung der Menschen. Was nützt mir eine Energiesparlampe, wenn ich diese den ganzen Tag eingeschaltet lasse? Aus diesem Grund sehe ich in erster Linie die Themen Bildung und Öffentlichkeitsarbeit als entscheidende Parameter, wenn es um die Einsparung von Treibhausgasen geht.
Natürlich gibt es noch weitere Bereiche, die große Einsparpotentiale aufweisen: Beispielsweise im Schermbecker Verkehrs- bzw. Mobilitätssektor.

Hier werden pro Jahr rund 51.000 Tonnen CO2 emittiert. Durch die Förderung nachhaltigerer Mobilitätsformen könnten große Mengen an Treibhausgasen vermieden werden. Konkret halte ich den Ausbau der Fahrradinfrastruktur für einen der wichtigsten Schritte in eine nachhaltigere Zukunft. Studien belegen, dass die Menschen öfters mit dem Rad fahren, wenn eine dementsprechend sichere und attraktive Infrastruktur vorhanden ist. Andersherum belegen diese Studien auch, dass die Zahl der PKW-Fahrten steigt, je mehr in Straßen und Parkplätze investiert wird. Planung spielt also eine entscheidende Rolle, um das Verhalten von Menschen hin zu mehr Klimaschutz zu beeinflussen.

Eines habe ich in meiner Zeit in Schermbeck aber auch gelernt: Ganz ohne Auto geht es nicht. Der Automobilbereich steht derzeit vor einer großen Transformation, hin zu mehr Elektromobilität. Um den Ansprüchen der neuen Mobilitätsform genügen zu können, müssen Kommunen in den nächsten Jahren massiv in den Ausbau der Lade-Infrastruktur investieren. Natürlich bietet aber auch der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) viel CO2-Einsparpotential. Doch vor allem in den Abendstunden und am Wochenende nimmt das ÖPNV-Angebot in Schermbeck stark ab. Es müssen also neue und innovativere Lösungen her, um das fehlende Angebot zu kompensieren. Beispiele hierfür stellen die sogenannten Bürgerbusse dar. Neuere Konzepte – die ich auch in Schermbeck anregen möchte – sehen Mini-Busse bzw. Vans vor, die bequem per App zu einer virtuellen Haltestelle bestellt werden können. Der ÖPNV wird auf diese Art und Weise flexibler und den heutigen, individuellen Ansprüchen gerechter.

Neben den Mobilitätsthemen stellen natürlich auch die Erneuerbaren Energien einen wichtigen Erfolgshebel zur Einsparung von Treibhausgasen dar. In Schermbeck werden im Jahr rund 50.000.000 Kilowattstunden Strom verbraucht. Im Jahr 2017 wurden davon bereits 75 Prozent durch Erneuerbare Energien bereitgestellt. Der größte Vorteil der Erneuerbaren Energien steckt schon im Namen: Sie sind unendlich erneuerbar. Konventionelle Energieträger, wie Kohle, Öl und Gas sind dagegen endlich und in den meisten Fällen klimaschädlich.
Aber: Ein großer Nachteil an der erneuerbaren Energieproduktion ist, dass diese Energieformen nicht zu jeder Zeit gleich bereitgestellt werden können. An Tagen mit wenig Wind und Sonne stoßen wir mit der sauberen Stromerzeugung schnell an Grenzen und müssen auf konventionelle Energieträger ausweichen. Aus diesem Grund muss sauberer Strom künftig effizient gespeichert werden. Auch in Schermbeck sollten wir uns mit intelligenten Speichertechnologien ausstatten, um autark zu werden und ganz auf konventionelle Energieträger verzichten zu können.

Neben der Energiewende fällt das Thema Wärmewende in der medialen Berichterstattung oft hinten rüber. Dabei benötigen wir in Deutschland mehr Energie für die Erzeugung von Wärme, als für die Erzeugung von Strom. Aus diesem Grund bilden die Dämmung von Gebäuden sowie nachhaltigere Heiztechniken weitere, wichtige Erfolgshebel im lokalen Klimaschutz.

Tipp: Die Gemeinde bietet in Kooperation mit der Verbraucherzentrale NRW kostenlose Erstberatungsgespräche im Rathaus an. Darin können viele technische Detailfragen zum energetischen Bauen, Sanieren oder Energiesparen im Haushalt geklärt werden.
Weitere Informationen bei Klimaschutzmanager Thomas Heer. Sie erreichen ihn in der Gemeindeverwaltung unter (0 28 53) 91 03 40 oder per E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Welche Themen gibt es für Jugendliche, Familien und Senioren, die jeder sofort umsetzen könnte?

Da fallen mir unglaublich viele Dinge ein. Doch für den Anfang kann sich gut an den folgenden zehn Klima-Tipps orientiert werden:

Wechseln Sie zu einem hochwertigen Ökostrom-Anbieter.

Meine Freundin und ich beziehen beispielsweise in unserer Wohnung in Dortmund Strom und Gas über die Elektrizitätswerke Schönau. Die EWS sind im Jahre 1986 von einer Bürgerinitiative gegründet worden, nachdem die Kernreaktoren in Tschernobyl in die Luft geflogen waren. Auch heute noch haben sich die EWS einer sauberen Zukunft verschrieben und investieren das Geld nachweislich und ausschließlich in den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Lassen Sie sich nicht von Grünstromanbietern locken, die Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken beziehen! Oft handelt es sich dabei um Graustrom, der durch Überschusszertifikate – die auf dem europäischen Strommarkt eingekauft werden – in vermeintlichen Grünstrom umgewandelt wird. Auf der Seite www.oekostrom-anbieter.info erhalten Sie einen guten Überblick zu vertrauensvollen Ökostromanbietern.

Überdenken Sie Ihr Konsumverhalten:

Kaufen Sie nur die Dinge, die Sie auch wirklich brauchen. Die Themen Energieverbrauch und Langlebigkeit von Produkten sollten im Vordergrund stehen.

Lassen Sie Ihr Auto häufiger stehen und Fahren Sie mit dem Fahrrad, Bus oder Bahn.

Teilen Sie Ihr Auto mit anderen oder bilden Sie Fahrgemeinschaften. Verzichten Sie (so oft es geht) auf Flugreisen und Kreuzfahrten.

Ernähren Sie sich klimafreundlich:

Reduzieren Sie tierische Nahrungsmittel, kaufen Sie Bio-Produkte aus der Region. Verzichten Sie bei Ihren Einkäufen auf stark verarbeitete Lebensmittel und auf unnötige Verpackungen.

Tipp: Nutzen Sie die tolle App „CodeCheck“, mit der Sie fast jedes Produkt einscannen können, um einen guten Überblick zu den Inhaltsstoffen und deren Wirkung auf die Gesundheit und Umwelt zu erhalten. Beispielsweise zeigt Ihnen die App an, ob das im Lebensmittel verwendete Palmöl aus einer zertifiziert-nachhaltigen Bewirtschaftung stammt. So können Sie sich auch über klimarelevante Aspekte informieren.

Sparen Sie Heizenergie.

Achten Sie auf dichte Fenster, lassen Sie Heizung und Heizkörper regelmäßig überprüfen und probieren Sie es mal mit einer Absenkung der Raumtemperatur. Ein Grad Celsius weniger spart 6 Prozent der Heizenergie ein.

Für Hausbesitzer:

Ersetzen Sie undichte Fenster durch neue und tauschen Sie die Heizung oder Heizungspumpe aus.

Wenn Carsharing keine Option ist, achten Sie beim Neukauf Ihres Autos auf einen möglichst geringen CO2-Ausstoß:

Prüfen Sie, ob Antrieb, Motorleistung und Größe des Wagens alltagstauglich und für Ihren Gebrauch angemessen sind. Eine gute Übersicht zu den aktuell effizientesten Fahrzeugen, gibt die Liste des Verkehrsclub Deutschland e.V. auf www.vcd.org.
Fahren Sie viele Kurzstrecken? Dann würde ich Ihnen auf jeden Fall ein Elektroauto ans Herz legen, da die CO2-Bilanz beim Fahren – selbst bei Nutzung des Stromes aus dem deutschen Strommix – heute schon besser ist, als die von konventionellen Verbrenner-Fahrzeugen. Außerdem macht es einen riesigen Spaß! Davon können Sie sich auch beim Schermbecker Elektroauto-Carsharing ScherMyCar überzeugen.

Investieren Sie in ökologische Projekte.

Lassen Sie Ihr Geld für den Klimaschutz arbeiten und freuen Sie sich mit gutem Gewissen über die Rendite. Eine von vielen guten Plattformen hierfür ist www.crowd4climate.org.

Schaffen Sie sich stromsparende Geräte an:

Kühlschrank, Computer und Waschmaschine reduzieren Ihre Stromkosten deutlich, wenn Sie energieeffizient arbeiten. Und schalten Sie Stand-by-Geräte ganz ab. In Frankreich laufen drei Atomkraftwerke nur für die Versorgung aller Stand-by-Geräte des Landes! Einen guten Überblick zu effizienten Haushaltsgeräten verschafft die Initiativplattform der deutschen Energie-Agentur: www.stromeffizienz.de/beratung/topgeraete-datenbank.

Und zu guter Letzt: Kompensieren Sie Ihren Ausstoß klimaschädlicher Gase.

Falls Sie zum Beispiel einen Urlaub planen, bei dem Sie mit dem Flugzeug anreisen, können Sie diesen Flug kompensieren. Wie das funktioniert erklärt die folgende Seite: www.atmosfair.de.

Was könnte oder müsste zentral organisiert werden?

Das tolle an der Energiewende ist, dass es einen dezentralen Prozess darstellt. Früher wurde Energie ausschließlich zentral in großen Kraftwerken produziert, sodass die großen Energiekonzerne sehr viel Macht und Geld akkumuliert haben. Mit der Energiewende konnten viele Bürgerinnen und Bürger Teil einer sauberen Energieproduktion werden und haben mit ihrem Engagement geholfen, die Erneuerbaren Energien in Deutschland hochzuschrauben, auf einen Anteil von aktuell rund 33 Prozent. Aber: In den letzten Jahren ist das Erfolgsmodell der Energiewende durch Fehlentscheidungen der Politik ins Stocken geraten.
Jetzt soll der Strom erneut zentral in der Nord- und Ostsee produziert werden, um ihn dann mit großen Verlusten über eine Stromtrasse bis nach Süddeutschland transportieren zu müssen. Es handelt sich um Strom aus Windkraft: Das ist positiv. Negativ ist, dass die Produktion erneut durch die Großkonzerne generiert wird und die Wertschöpfung damit bei einigen Wenigen bleibt, anstatt diese gerecht auf die Städte und Gemeinden in ganz Deutschland aufzuteilen.

Aber zurück zur eigentlichen Frage: Ohne zentral gesteuerte Regelungen wird es im Klimaschutz natürlich nicht gehen. Es gibt einen Steuerungshebel, mit dem die Menschen sehr schnell zu einem klimabewussteren Verhalten gezwungen werden könnten: Das Portmonee. Die Politik versucht dies auch, in dem sie über eine CO2-Steuer nachdenkt. Ich glaube, dass dies generell notwendig ist, um die breite Masse zu erreichen, aber ich finde es sehr schade. Mir wäre es deutlich lieber, wenn sich die Politik eine Art Belohnungssystem für Menschen ausdenkt, die besonders umweltbewusst leben. Alle „Klimasünder“ sollten zur Kasse gebeten werden. Pädagogisch wäre eine Belohnung das sinnvollere Instrument, um Veränderungen zu bewirken.

Wie ist Ihre Standortbestimmung bzw. -einschätzung nach Ihren bisherigen Monaten als Klimamanager in Schermbeck?

Schermbeck ist ein echt schöner Ort mit vielen netten und hilfsbereiten Menschen. Mir gefällt es hier sehr gut und ich schätze die kurzen Wege. Das ist im Klimaschutz ein absoluter Vorteil, weil Projekte sehr viel zügiger umgesetzt werden können, als in größeren Kommunen. Hinzu kommt, dass wir mit Mike Rexforth einen äußerst kompetenten und sympathischen Bürgermeister haben, dem die Themen Klimaschutz und Zukunftsfähigkeit des Ortes sehr am Herzen liegen.  
Generell glaube ich, dass viele Schermbeckerinnen und Schermbecker das Thema Klimaschutz und den Ernst der Lage beim Weltklima verstanden haben. Das ist schon mal eine wichtige Grundlage, um das eigene Konsumverhalten bzw. die eigenen Verhaltensweisen täglich zu hinterfragen.

Mit welchen realistischen Maßnahmen können sich Unternehmen am Klimaschutz beteiligen? Was empfehlen Sie kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Da gibt es unzählige Ansatzmöglichkeiten. Natürlich sollten Unternehmen schauen, wie die energetische Situation im eigenen Firmengebäude aussieht. Wie ist die Dämmung? Arbeitet die Heizungsanlage effizient? Wie wäre es mit einer Photovoltaik-Anlage? Der Vorteil bei der Solaranlage auf einem Firmendach ist der, dass der Strom, der in der Mittagssonne produziert wird, direkt verbraucht werden kann. Zu einer Solaranlage empfehle ich eine Dachbegrünung. Dadurch kann Regenwasser länger gespeichert werden – gerade vor dem Hintergrund langanhaltender Starkregenereignisse wichtig – und durch die Verdunstungsleistung der Pflanzen kann sich die Umgebungsluft abkühlen. Besonders effektiv ist eine Kombination von Solaranlage und Dachbegrünung. Laut der EnergieAgentur NRW kann die Anlage durch die Kühlleistung des Gründaches pro Jahr bis zu acht Prozent mehr Energie erzeugen.

Tipp: Auf der Internetseite des Regionalverbandes Ruhr (RVR) finden Sie sowohl ein Solar- als auch ein Gründachkataster, bei dem Sie schauen können, ob Ihr Dach für ein derartiges Vorhaben geeignet ist.

Auch im Bereich der Mobilität gibt es für Unternehmen viele Handlungsansätze. Viele Handwerksbetriebe in großen Städten haben sich auf den Weg gemacht und setzten vermehrt elektrische Lastenräder für die Fahrten zu Kunden ein. Das Land NRW fördert die gewerblichen Lastenräder mit 30 Prozent des Kaufpreises. Auch im Bereich der Elektroautos gibt es aktuell attraktive Fördermöglichkeiten. Neben der sogenannten Umweltprämie gibt das Land Gewerbebetrieben bis zu 12.000 Euro beim Kauf eines Elektrofahrzeuges dazu. Auch im Bereich der Lade-Infrastruktur wird gefördert. Mehr Informationen hierzu finden Sie auf:  www.elektromobilitaet.nrw/unternehmen/foerderung-fuer-unternehmen

Welche Beratung können Unternehmen in Schermbeck hinsichtlich Klimaschutz in Anspruch nehmen?

Da fallen mir auf Anhieb zwei gute Beratungsdienstleister ein. Zum einen natürlich der Schermbecker Energieberater Kilian Zens und zum anderen Akke Wilmes von der Verbraucherzentrale NRW. Die Verbraucherzentrale hat eine Kooperation mit den Klimabündniskommunen im Kreis Wesel, zu denen seit Mitte 2018 auch Schermbeck zählt. Sowohl Herr Zens, als auch Herr Wilmes bieten energetische Beratungen an.

Was würden Sie tun, wenn Sie drei Wünsche frei hätten?

Mein erster Wunsch wäre, dass Greta Thunberg Bundeskanzlerin wird. Mein zweiter Wunsch wäre, dass es Flugzeuge gäbe, die das emissionsfreie Fliegen ermöglichen. Dann könnte ich als Geograph die viele tollen Orte dieser Erde bereisen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Mein dritter Wunsch ist, dass die Firma FINE Mobile GmbH mit ihrem Elektrofahrzeug TWIKE den großen Durchbruch schafft. Das TWIKE 3 konnten die Besucherinnen und Besucher des eMobilitätstages in Schermbeck bereits bewundern. Nun folgen die Fahrzeuge TWIKE 5 und TWIKE 6. Während meines Studiums habe ich bei der FINE Mobile ein Mini-Praktikum absolviert und die Philosophie und das Konzept des TWIKE für mich entdeckt.

© 2019 Energiegenossenschaft Schermbeck. Alle Rechte vorbehalten. Powered By NAHWERT
Diese Website verwendet technisch notwendige Cookies, um Ihnen die bestmögliche Funktionalität bieten zu können.