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Hof Tüshaus – Wandel als Dauerzustand

Zeitgemäße Pferdehaltung und Alexandertechnik für inneres Wachstum

Margarete Tüshaus

„Mein Leben hat sich immer zwischen extremen Polen abgespielt, der Erwartung an mich, den Hof zu übernehmen und meinem Freiheitsdrang, also dem Künstlerisch-Kreativen in meinem Leben“, Margarete Tüshaus hat grünen Tee mit Jasmin gekocht, und wir sitzen im großen Seminarraum unter dem Dach. Licht fällt von allen Seiten reichlich herein, und bringt die Wärme des Holzbodens ideal zur Geltung. Während des Gesprächs klingen die vorbeifahrenden Autos als gleichmäßiges Rauschen herauf – denn die B58 geht direkt vor den Fenstern vorbei. Das erinnert immer daran, dass der Hof Tüshaus in Deuten mitten im Leben steht und keine weltfremde Einsiedelei ist.


SCHERmyBLOG:
Was war der Impuls, dass sich hier auf dem Hof etwas verändert hat?

Margarete Tüshaus:  Als mein älterer Bruder als Kind tödlich verunglückte, da gab es diesen Schwenk hin zu mir, dass ich plötzlich in den Fokus kam, als diejenige, die den Hof irgendwann einmal bewirtschaften würde. Bis dahin, bis zu meinem siebten Lebensjahr hatte ich eine große Freiheit und habe diese Unbeschwertheit sehr genossen. Dann bekam ich zwar nicht gleich die Schüppe in die Hand gedrückt, aber es stand fest, dass später in meinem Leben Pflichterfüllung eine Rolle spielen würde, und die Fortsetzung dieses Betriebes hatte plötzlich biografisch etwas mit mir zu tun.

SCHERmyBLOG: Wie bist du mit dieser Verantwortung umgegangen?

Margarete Tüshaus:  Erst viel später, als Jugendliche, habe ich dagegen rebelliert. Und als ich erwachsen war, bin ich erst mal in die Welt gezogen, weil ich diese Sehnsucht in mir hatte. Meine Eltern haben nicht mehr damit gerechnet, dass ich hier noch mal was mache. Aber ich habe immer diesen Spagat gehabt: Einerseits habe ich mich sehr verbunden gefühlt mir der Natur, mit dem, was hier die Scholle hergibt und mit den Kreaturen. Und auf der anderen Seite das Kreative, Tanz, Kunst, all das habe ich in meiner Jugend gelebt, ich musste immer zu den ganz Verrückten hin. Diese Extreme haben sich in mir immer ausbalanciert, und diese Polarität, das ist auch das, was sich hier auf dem Hof jetzt geltend macht.

SCHERmyBLOG: Und wie kam es zur Rückkehr hierher auf den Hof?

Margarete Tüshaus:  Das war ein Wendepunkt, ein Moment in Zeit und Raum nach einer Reise über Hamburg, Stuttgart, Köln und Bochum dann zurück hierher. Den Ausschlag hat mein Mann gegeben. Er ist Architekt und damit ein „Bauer“ anderer Art. Das, was man jetzt hier sieht, die Schönheit, hat viel mit seinen ästhetischen Fähigkeiten zu tun.

An der Verwandlung des in weiten Teilen umgestalteten Gutshofs hat Margarete Tüshaus´ Mann einen erheblichen Anteil: Trotz der vielen Gebäude ist der Gesamteindruck einer der Durchlässigkeit. Überall kann sich das Auge an saftigem Grün festhalten, ob durch die offene Reithalle, in den Lücken zwischen den alten Ställen und Remisen oder in der Ferne, wenn man den Feldweg Richtung Pferdeherde entlangblickt. Hier haben mal 800 Mastbullen gestanden. Drumherum wurde auf den Feldern ihr Futter angebaut. Vom Agrarbetrieb ist der Tüshaus-Hof zu einem Ort der Begegnung und des Wachstums geworden. Jetzt kommen Pferdebesitzer angefahren, die ihre Tiere auf dem Hof stehen haben. Und Seminarteilnehmer, die für das Wochenende ein Gästezimmer bewohnen.

 

Hof TüshausMargarete Tüshaus:  Das alles hat sich über einen langen Zeitraum hingezogen. Zunächst, als wir in das Müllerhaus hinter der Mühle gezogen sind, hat 2008 noch immer die Pächterfamilie hier auf dem Hof gewohnt, die den Hof über 20 Jahre bewirtschaftet hat. Ich habe die Veränderung als eine Art Driften empfunden, als wenn Eisberge sich gegeneinander verschieben, ohne dass wir selbst etwas dazutun. Vieles spielt sich bei Eisbergen ja auch unter der Wasseroberfläche ab. Dann war es so, dass die Pächterfamilie sich recht plötzlich zurückgezogen hat, dass der Weg frei wurde für etwas Neues. Und so haben wir die Hofstelle wieder in unsere Verantwortung genommen.

SCHERmyBLOG: Wie war damals die Situation hier auf dem Hof?

Margarete Tüshaus:  In allen Ecken war die Bullenmast mit der dazugehörigen Monokultur auf den Feldern, also mit Mais. Man kann da schon von Massentierhaltung sprechen, jedenfalls von sehr intensiver Landwirtschaft. Und das wollten wir bremsen. Dadurch wurden die ganzen Gebäude frei.


Platz für Seminarräume, Gästezimmer, Gemeinschaftsküche und viele Rückzugsorte. Hof Tüshaus ist ein Lernort. Und wer den Weg in den Seminarraum findet, kann sich darauf verlassen, die Räume mit neuen Erkenntnissen über sich selbst wieder zu verlassen. Statt sich passiv in eine Behandlungssituation zu begeben, wird gemeinsam ein Lernprozess angestoßen. Das muss nicht immer einfach sein. Wandel kann schmerzen, kann sich sträuben und vor allem braucht er Zeit.


Bei Margarete Tüshaus wird getanzt und der Körper erlebt, wie er in seinem Verhalten auf die alltäglichen Situationen des Lebens reagiert. Sie ist Tänzerin und Lehrerin für Alexandertechnik. Die Alexandertechnik ist nicht nur dafür bekannt, dass Beschwerden des Bewegungsapparats effektiv gelindert werden, sondern dass der Mensch sich neu wahrnimmt und eigene Muster erkennt, die ihm manchmal im Wege stehen, um Ziele zu erreichen und zufrieden durch die Welt zu gehen.

 

 

 Die Alexandertechnik (nach F.M. Alexander) fördert den eigenen Umgang mit Herausforderungen, die einem im Alltag begegnen. Bei der Alexanderarbeit ergeben sich zugleich körperliche, aber auch Veränderungen auf der Ebene von Gewohnheiten im Verhalten, Bewegen und Denken. Schädliche unbewusste Gewohnheiten beschränken uns in unseren Lebensäußerungen und führen langfristig zu Verspannungen, Schmerzen, Haltungsschäden und Erschöpfung. Dabei verändern sich auch Vorstellungen und Denkmuster, die uns daran gehindert haben, in die eigene Kraft und Lebendigkeit zu kommen, und die eigene Flexibilität steigt, um in kritischen Momenten nicht gleich zu verspannen. Im Kern ist die Alexandertechnik eine Möglichkeit, ins Handeln zu kommen und nicht nur auf das Leben zu reagieren.


Die Räume auf dem Tüshaus-Hof atmen die Chance, dass etwas Neues entstehen kann.

Margarete Tüshaus:  Als kleines Mädchen, mit vier Jahren, habe ich hier oben in diesem Raum unter dem Dach gestanden, alles voller Spinnweben, und habe davon geträumt, dass ich hier mal tanze. Und das hat mein Mann Frank wundersam aufgenommen, ohne dass er diese Geschichte kannte, und hat hier oben den Seminarraum hineingebaut. Aber ich wusste zu Beginn des Veränderungsprozesses schon, dass ich den Hof nicht ausschließlich nutzen wollte, damit Menschen hier zur Selbsterfahrung herkommen können. Es musste einen bodenständigen Ausgleich geben. Ich wollte, dass hier auch Landwirtschaft weiter existiert.

SCHERmyBLOG: Das war dann der Wandel zur Pferdehaltung. Aber das ist keine konventionelle Pferdehaltung.

Margarete Tüshaus:  Es ist die im Moment vermutlich artgerechteste Form, die es gibt. Die Haltungsform nennt sich Paddocktrail. Dabei leben Pferde in Herdenverbänden. Sie können frei entscheiden, wie sie sich bewegen wollen. Sie haben eine Liegehalle, in der sie Schutz suchen und ausruhen können. Sie haben einen Paddock, also einen Sandbereich. Und dann gibt es eine Wegeführung, wo sie spielen und sich frei bewegen können, wie sie das in freier Natur auch könnten, Futterplätze finden, so dass sie von Platz zu Platz laufen.  

SCHERmyBLOG: Welcher Gedanke steht hinter dieser Paddocktrail-Haltung?

Margarete Tüshaus:  Wenn man sich mal in eine übliche Pferdebox stellt und dabei bedenkt, dass ein Pferd ein Fluchttier und ein soziales Herdentier ist, dann hat es schon nach wenigen Minuten so einen Zellen- und Einzelhaftcharakter. Wenn man die Pferde im Verband erlebt, wie sehr sie ihre Charaktere ausleben und wie viel Kommunikation da normal ist, dann gibt es eigentlich auch keinen Weg zurück, dann kann man sich nicht mehr vorstellen, so ein Tier in eine Box zu stellen.

Paddocktrail ist eine innovative Form, Pferde zu halten. Die Tiere leben im Herdenverband und überwiegend im Freien. Durch eine Trailführung auf 600 Metern Strecke kommen die Pferde zu verschiedenen Rauhfutterstellen, um sich ihr Futter selbst zu erarbeiten. Bei schlechtem Wetter stehen den Pferden Liegehallen zur Verfügung, die sie selbst aufsuchen können. Spiel und Bewegung finden sie auf dem Sandplatz, der immer frei zugänglich ist. Die Haltung im sozialen Verband mit genug Auslauf ist eine artgerechte Form, Pferde unterzubringen und kommt den natürlichen Bedürfnissen dieser Tiere sehr nahe. 

Wer hier das Pferd in naturnaher Haltung untergebracht hat, muss sich darauf einlassen, dass alle Pferdebesitzer eine Gemeinschaft bilden und diese auch pflegen. Das wird im Einzelgespräch geklärt, bevor das Tier überhaupt einen Huf auf den Hof setzen darf.

SCHERmyBLOG: Wie kann man so eine Gemeinschaft auf einem Pferdehof entstehen lassen?

Margarete Tüshaus:  Wir haben uns die Menschen werte-bezogen ausgesucht, die hier auf dem Hof ein- und ausgehen – in Bezug auf Authentizität und Lösungsorientiertheit. Wir haben sogar im Vertrag stehen, dass wir erwarten, dass Menschen Teil der Lösung sein wollen und nicht Teil des Problems. Das klappt sehr gut. Wir haben eine gute Stallgemeinschaft. Mit diesem guten Miteinander beschäftige ich mich ja auch im Alexander-Kontext.

Margarete Tüshaus ist ein Mensch mit Initiative. Sie hat einen Ort der Begegnung auf ihrem elterlichen Hof geschaffen und weiß um die Mühe und das innere Engagement, die beide nötig sind, Besuchern einen Raum zum Wachsen und Lernen zu bieten. Und sie versucht stetig die Waage zu halten zwischen Neuem und der Tradition des Hofs, der seit über 600 Jahren landwirtschaftlich genutzt wird. Margarete Tüshaus hat mit dieser Tradition nicht gebrochen, und doch macht sie alles anders.

 

SCHERmyBLOG: Wie hast du die Zeit empfunden, als sich hier alles durch deine Initiative verändert hat?

Margarete Tüshaus:  Die Zeit des Wandels war schwer. Am Beispiel meines Vaters kann man es ganz gut sehen. Mein Vater hat die Veränderungen nicht mehr erlebt. Aber die Umwälzungsprozesse von der konventionellen Landwirtschaft zu etwas Neuem wären für ihn zu hart gewesen. Er hätte dem Prozess nicht vertraut, alles war ungewiss. Wir wussten ja selbst nicht, ob es funktionieren würde. Und es war auch streckenweise ein Aushalten, weil sich das Neue noch nicht etabliert und bewährt hatte. Heute würde es meinem Vater gut gefallen, da bin ich mir sicher. Er würde hier über den Hof laufen und hätte Freude an den Pferden und könnte das sicher genießen.

SCHERmyBLOG: Wie war die Reaktion in der dörflichen Gemeinschaft?

Margarete Tüshaus:  Wir haben tolle Unterstützung bekommen. Alle fanden es gut. Ich glaube, alle haben das Gefühl, dass hier was aufatmet, dass Licht und Freiheit drankommen können an den Hof. Da ist mehr Leichtigkeit. Und das erzeugt bei den Menschen eine wohlwollende Neugier.

SCHERmyBLOG: Noch einmal zusammenfassend: Was für ein Ort ist hier entstanden?

Margarete Tüshaus:  Es ist ein Pferdehof, und es ist ein Seminarbetrieb, und das hat natürlich etwas mit einer luxuriösen Art zu tun, Freizeit zu verbringen. Aber es ist kein Wellness-Programm. Die Bedingungen auf dem Hof sind gut, um etwas zu lernen. Das, was man hier lernt, soll lebenspraktisch in den Alltag fließen. Ich möchte Menschen fit machen für die Herausforderungen des Alltags. Die Frage muss immer sein: Was kann ich in dieser Umgebung lernen und loslassen, um zu wachsen und zu werden?

Nicht nur die Pferdehaltung ist nachhaltig, klimafreundlich und zukunftsweisend. Der Geist, der auf dem Tüshaus-Hof weht, verändert die Menschen und seine Besucher und schickt sie so verändert wieder hinaus in die Welt. Damit sie in ihren eigenen Lebenszusammenhängen selbst Veränderung anstoßen. 

Kontakt:
Seminarbetrieb Hof Tüshaus
Margarete Tüshaus
Weseler Straße 433
46286 Dorsten
Telefon 02362.602330

www.hof-tueshaus.de
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